Die Macht aus dem Beichtstuhl

Beichte in der Wallfahrtskirche von Swieta Lipka, Masuren, Foto: Ulli Schauen

Beichte in der Wallfahrtskirche von Swieta Lipka, Masuren, Foto: Ulli Schauen

Es geschieht im Beichtstuhl. Hier bezieht die Institution Kirche ständig ihre Selbstbestätigung, hier behalten die Geistlichen Recht, hier schöpfen sie weitere Motivation für ihre Arbeit.

Auch wenn nur noch eine Minderheit der Katholiken zur Beichte geht, so beweist diese Minderheit den Priestern und ihrem System permanent: Der Mensch ist schlecht. Der Mensch braucht die Kirche.

Denn hört der Priester nicht im Beichtstuhl ganz konkrete Tatsachen darüber, wie die Menschen ständig scheitern? Sie strampeln sich ab, aber sie schaffen es einfach nicht, die Normen „Gottes“ zu erfüllen, die ihnen die Kirche vermittelt. Und sie brauchen die Institution Kirche, sie benötigen ihn, den Geistlichen, um von ihren Sünden erlöst zu werden.

„Ego te absolvo.“ Ich spreche Dich frei. Ich erlöse Dich. Gibt es eine größere Machtfülle als die, welche sich sich in diesen Worten äußert? Gibt es eine größere Befriedigung als ermächtigt zu sein, diese Worte sprechen zu dürfen?

Das Zuckerbrot: Das Beichtgeheimnis macht die Kirche zu einem intimen Verbündeten ihrer Anhänger. Die Kirche ist deine beste Freundin, der du alles erzählen kannst – satisfaction guaranteed.

Die Protestanten haben es nicht besser. Sie gehen zwar nicht zum Pfarrer zum Beichten (obwohl sie auch das können). Doch ihre Schuld bekennen auch sie jedes Mal (wie die Katholiken), wenn sie die Formel ihres Glaubensbekenntnisses sprechen. Und wenn sie zum Abendmahl gehen, verdauen sie mit der Hostie und dem Wein die „Vergebung der Sünden“. Schuldtilgung als körperliches Erlebnis.

Die Evangelen haben die Beichte nicht abgeschafft, sie haben sie deinstitutionalisiert – und verschärft. Ihre Kirche pflanzt ihnen den Beichtstuhl in den Kopf.
Aus dem simplen „te absolvo“ wird Luthers Rechtfertigungslehre. Und das in Dutzenden von Spielarten, die als ein Beichtstuhl mit Drehtür ins Hirn eingebaut wird – einmal im Konfirmandenunterricht gelernt, nie verstanden, weil in ihrer Dialektik ein gefundenes Fressen für Jahrhunderte theologischen Räsonnierens, nie zu verstehen, also desto wirksamer.

Die Protestanten müssen sich ständig einen Kopf machen über ihre Schuld. „Sünden“-“frei“ werden sie nie, aber sie können es „allein durch den Glauben“ versuchen, wenn auch nur mit „der Gnade Gnade Gottes“, und irgendwie auch nie schaffen, denn wo kämen wir da hin, wenn sie wirklich mal „sündenfrei“ wären, dann bräuchten sie ja den „Gott“ gar nicht mehr, und auch nicht de Kirche.

So verstärkt der Schuld-Vergebung-Kreislauf auch die Macht der protestantischen Kirche. Mit „Gemeinschaft“, „guten Werken“ und der Abhängigkeit von „Gott“ gehen die Gläubigen gegen ihre „Sünde“ an. Den Beichtstuhl mit Drehtür werden sie nicht los. Da können sie noch so viele neckische Lieder singen, in der „Gemeinschaft“ von 60.000 anderen, mit auf Protestantismus abonnierten „Wise Guys“ auf dem Kirchentag oder im „fröhlichen Familiengottesdienst“ zuhause.

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