Ein Hörerbrief zu theologischer Vulgärphilosophie

Die "Wilhelm Gustloff" als Lazarettschiff in Danzig. Foto: Hans Sönnke

Die “Wilhelm Gustloff” als Lazarettschiff in Danzig. Foto: Hans Sönnke

Dass zu einer “Morgenandacht” im Radio Hörerbriefe geschrieben werden, passiert meines Wissens selten. Heute morgen jedoch konnte der Hörer Lambert Schauen sich nicht zurückhalten. Ihm ging es offensichtlich über die Hutschnur, wie sich da eine Theologin an Lebensschicksalen weidet und sie religiös ausschlachtet. Auf WDR 5 sprach Pfarrerin Viktoria Keil. Sie begab sich auf das Glatteis an der Pommerschen Küste, vor der am 30.1.1945 ein sowjetisches U-Boot das deutsche Kriegsschiff Wilhelm Gustloff versenkte. 9.000 Flüchtlinge an Bord starben dabei. Ein gefundendes Fressen für die Pfarrerin, wenn sie darum herum eine hübsche frömmelnde Geschichte erzählen kann, die im Ermutigungsduktus endet. Hier der Link zu ihrer Sendung – und hier der Hörerbrief von Lambert:

“Sehr geehrte Pfarrerin Keil,

durch Zufall habe ich heute im Radio Ihren Beitrag “Erinnerungsschätze
heben” gehört.

Sie zitieren aus Lebensberichten und identifizieren sich mit dem Zitat
eines Mannes, dem das Schicksal des Untergangs mit dem Schiff /Gustloff/
erspart geblieben ist. Er schreibt sein Glück göttlicher Fügung zu mit
dem Satz: “Mein Leben hat einen Sinn, weil Gott mich bis hierher
gebracht hat.”
Sie ermuntern zum ermutigenden “Blick aufs Ganze”.

Eben dieser Blick aufs Ganze ermutigt mich zu Fragen:

Sind die Zehntausend, die mit der /Gustloff /unter gegangen und zu Tode
gekommen sind, nicht Teil des Ganzen? Was ist mit deren Leben? Was sagen
Sie Angehörigen der in der kalten Ostsee umgekommenen Menschen? Hatte
deren Leben keinen Sinn, weil Gott sie nur auf hohe See nicht aber ans
rettende Ufer gebracht hat? Deren Aufgaben waren wohl erledigt?

Mit freundlichen Grüßen

Lambert Schauen”

Bei einem Telefonat heute hat mir Lambert von der Sache erzählt. Ich bat ihn um seine Mail zur Veröffentlichung auf dieser Site. Ich bin sicher, die Pfarrerin wird eine passende Antwort auf seine Fragen finden. Auch auf diesen Pott passt ein frommer Deckel. Denn Fragen à la “Wie kann Gott das zulassen? Warum ich und der nicht?” gehören zum Alltagsgeschäft der theologischen Vulgärphilosphie. Wir halten Sie auf dem Laufenden über Reaktionen aus dem evangelischen Rundfunkreferat.

 

2 Gedanken zu „Ein Hörerbrief zu theologischer Vulgärphilosophie

  1. Wolfgang Klosterhalfen

    Aus ihrer WDR-Morgenandach vom 31.7.2008:

    V. Keil: „Die Bibel erzählt von Hagar, einer Ägypterin. Sie wird Abrahams zweite Frau, weil Sara lange keine Kinder bekommt. Als sie mit Ismael schwanger wird, gibt es Eifersucht zwischen den Frauen. Hagar fühlt sich der Situation nicht gewachsen, flüchtet in die Wüste und schleppt sich an einen Brunnen.“

    Tatsächlich wird Hagar von Abraham auf Betreiben von Sara mitsamt ihrem Sohn verstoßen:
    „Eines Tages beobachtete Sara, wie der Sohn, den die Ägypterin Hagar Abraham geboren hatte, umhertollte. Da sagte sie zu Abraham: Verstoß diese Magd und ihren Sohn! Denn der Sohn dieser Magd soll nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak Erbe sein.“ 1 Mos 21,9-10

    Da Abraham und Sara (die von Gott oder jedenfalls mit Hilfe Gottes ein Kind bekam) besondere Lieblinge Gottes sind, wird bei Frau Keil aus der unmenschlichen und von Gott gebilligten Vertreibung der Kindesmutter und des ersten Sohns von Abraham durch diese beiden Lieblinge Gottes die Flucht einer Person, die sich unterlegen fühlt.

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  2. Wolfgang Klosterhalfen

    Pfarrerin Viktoria Keil scheint ein besonderes Talent darin zu haben, die angeblichen Taten Gottes in ein gutes Licht zu rücken. Das hat mich so beeindruckt, dass ein Zitat aus Frau Keils WDR-Morgenandacht vom 20.7.2008 zu den Leiden des Hiob es neben ähnlich dummen Zeug von Joseph Ratzinger und dem ehemaligen Bischof Huber in meine Reimbibel geschafft hat. Gott bzw. der Satan haben ja bekanntlich Hiob körperlich und psychisch fertig gemacht. Hiob klagt daraufhin Gott an:
    „Erkennt doch, dass Gott mich niederdrückt, da er sein Netz rings um mich warf.
    Schrei ich Gewalt!, wird mir keine Antwort, rufe ich um Hilfe, gibt es kein Recht. Meinen Pfad hat er versperrt, ich kann nicht weiter, Finsternis legt er auf meine Wege.“ Das Buch Hiob, Kap. 19, 6-8
    Bei Frau Keil klingt das dann so: “Er lässt nicht nach in seinem Vertrauen: Da ist einer, der mich ansieht, der sich nicht abwendet, wenn ich einen Tröster in meiner Nähe brauche.” Wahr ist, dass sich Gott Hiob zuwendet, allerdings, indem er ihm Plagen schickt und dann verbal abkanzelt. Staatlich finanzierter Schwachsinn, Volksverblödung ist das. Man kann es auch Theolügie nennen.

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